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Leben in der Diaspora: Einsamkeit & Identität

Zwischen zwei Kulturen leben: Wo ist mein Zuhause?

| | 5 Min. Lesezeit

Es ist eine Frage, die sich viele von uns, die in der Diaspora leben, stellen, manchmal laut, manchmal nur in Gedanken:

Wo ist mein Zuhause wirklich?

Für manche ist die Antwort ganz einfach. Doch für diejenigen, die zwischen zwei Kulturen aufgewachsen sind, hat diese Frage selten nur eine Antwort.

Zwischen zwei Kulturen zu leben fühlt sich manchmal an, als würde man in der Luft schweben. In der Theorie klingt es einfach und die meisten stellen es sich so vor: zwei Sprachen sprechen, zwischen zwei Traditionen leben oder zwei verschiedene Feste feiern. In Wirklichkeit ist es jedoch weitaus komplexer, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen und zu leben, als lediglich zwei Sprachen oder Traditionen zu kennen.

Es bedeutet, von zwei unterschiedlichen Arten geprägt zu werden, die Welt zu verstehen, von zwei verschiedenen Wertesystemen und zwei Perspektiven auf das Leben. Zu Hause wächst man mit der Geschichte der eigenen Familie, den Erinnerungen der Eltern, der Sprache und den Wurzeln auf, die einen mit der eigenen Herkunft verbinden. Doch wir sind nicht dafür geschaffen, unser Leben ausschließlich innerhalb unserer vier Wände zu verbringen. Früher oder später müssen wir uns auch außerhalb unseres Zuhauses zurechtfinden, und ich glaube, genau dort beginnt alles.

Man begegnet einer anderen Kultur mit anderen gesellschaftlichen Regeln, anderen Formen der Kommunikation und einer Realität, die einen Tag für Tag prägt.

Wenn zwei Welten in uns aufeinandertreffen

Mit der Zeit bleiben diese beiden unterschiedlichen Welten nicht voneinander getrennt. Sie vermischen sich in uns und werden zu einem Teil dessen, wie wir uns selbst und die Welt wahrnehmen.

Viele Jahre lang kann sich das wie ein innerer Konflikt anfühlen. In dem Land, in dem man lebt, wird man als „Ausländer” oder „Migrant” wahrgenommen. Besucht man jedoch das Herkunftsland, heißt es plötzlich, man komme „von draußen” oder „aus dem Ausland”. In beiden Fällen bleibt das Gefühl, nirgendwo vollständig dazuzugehören.

Dieses Empfinden ist so weit verbreitet, dass Psychologinnen und Psychologen es seit Jahrzehnten erforschen.

Forschungen zur bikulturellen Identität zeigen, dass Menschen sich nicht für einen Teil ihrer Identität entscheiden und den anderen aufgeben müssen. Studien zur Bicultural Identity Integration (BII) belegen, dass Menschen, die ihre beiden Kulturen als miteinander vereinbar und sich ergänzend erleben statt als widersprüchlich, mit größerer Wahrscheinlichkeit eine stabile Beziehung zu ihrer eigenen Identität entwickeln. Diese Form der Integration geht mit einer höheren kognitiven Flexibilität, der Fähigkeit, Situationen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, einem ausgeprägteren kritischen Denken und einer insgesamt besseren psychischen Anpassung einher.

Mit anderen Worten: Die Herausforderung besteht nicht darin, zwei Kulturen zu haben, sondern zu lernen, sie in Harmonie miteinander leben zu lassen.

Natürlich ist das nicht immer leicht.

Manchmal hat man das Gefühl, die Art zu sprechen, sich zu verhalten oder sogar zu denken verändern zu müssen, je nachdem, wo man sich gerade befindet. Man spürt den Druck, „genug Albaner” oder gleichzeitig „genug Teil” des Landes zu sein, in dem man lebt. Mit der Zeit kann das zu emotionaler Erschöpfung und Verunsicherung darüber führen, wer man eigentlich wirklich ist.

Doch vielleicht besteht das Problem gar nicht darin, dass wir zwischen zwei Kulturen leben. Vielleicht liegt das Problem vielmehr darin, dass wir gelernt haben zu glauben, Identität müsse immer eindeutig und nur eine sein, ein Beispiel für dichotomes Denken.

Eine dritte Welt erschaffen

Identität entsteht nicht allein durch den Ort, an dem wir geboren werden. Sie entsteht durch die Menschen, denen wir begegnen, die Sprachen, die wir sprechen, die Werte, die wir wählen, und die Erfahrungen, die uns prägen. Zwei Menschen, die in derselben Stadt geboren wurden, können völlig unterschiedliche Identitäten entwickeln. Gleichzeitig können zwei Menschen, die in verschiedenen Ländern aufgewachsen sind, dieselben Werte teilen.

Ziel dieses Blogs ist es nicht zu entscheiden, welche Kultur die bessere ist. Im Gegenteil: Er soll zeigen, dass wir von beiden Kulturen lernen können. Die eine vermittelt uns vielleicht die Bedeutung von Familie und Gemeinschaft, die andere lehrt uns Unabhängigkeit, kritisches Denken oder Respekt gegenüber Vielfalt. Wir müssen uns nicht für eine von beiden entscheiden. Wir können das Beste aus beiden mitnehmen und unsere Identität auf den Werten aufbauen, an die wir glauben.

Am Ende sollte unsere Identität nicht durch einen Reisepass, unseren Geburtsort oder die Etiketten bestimmt werden, die andere uns geben. All das gehört zu unserer Geschichte, aber es ist nicht unsere ganze Geschichte.

Wir sind diejenigen, die sich selbst erschaffen.

Ich habe diesen Gedanken schon immer gemocht und hoffe, dass vielleicht jemand darin etwas für sich findet und lernt, mit sich selbst im Frieden zu leben.

„Wenn ich auf dem Mond geboren worden wäre und auf der Sonne leben würde, dann wäre die beste Lösung vielleicht gewesen, zu einem Stern zu werden, erschaffen aus ein wenig Mond und ein wenig Sonne. Am Ende wäre ich einfach mein eigener Stern.”

Diese Metapher erinnert uns daran, dass wir nicht auf die Koordinaten unseres Geburtsortes oder den Ort, an dem wir leben, beschränkt sind. Wir besitzen die Fähigkeit, einen neuen Raum zu schaffen, in dem beide Kulturen nebeneinander existieren und Identität kein Kompromiss, sondern etwas Eigenes ist.

Vielleicht ist genau das das Privileg der Diaspora.

Nicht nur zwischen zwei Welten zu leben, sondern eine dritte zu erschaffen. Eine Welt, in der unsere Wurzeln uns nicht festhalten, sondern uns Kraft geben. Eine Welt, in der Zugehörigkeit nicht von einer Grenze auf einer Landkarte abhängt, sondern von den Werten, nach denen wir jeden Tag leben.

Denn Heimat ist nicht immer ein Ort. Manchmal ist Heimat der Mensch, zu dem wir werden.

Quellen: Journal of Personality (Benet-Martínez & Haritatos, 2005) — Bicultural Identity Integration (BII): Components and Psychosocial Antecedents, 73(4), 1015–1049; Journal of Personality and Social Psychology (Tadmor, Galinsky & Maddux, 2012) — Getting the Most Out of Living Abroad: Biculturalism and Integrative Complexity as Key Drivers of Creative and Professional Success, 103(3), 520–542.

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